Leonardo da Vinci – Ultima Cena (Das letzte Abendmahl)

Kurzversion eines längeren, verlorengegangenen Essays aus den Achtzigern,  aus dem Gedächtnis reproduziert bzw. neu formuliert.

Leonardo da Vinci, Ultima Cena (Foto: Public domain)

Die Abendmahlszene zeigt den Augenblick, in dem Jesus seinen 12 Jüngern offenbart, dass einer von ihnen ihn verraten wird – und deren spezifische Reaktion darauf.

Die Personen sind ganz offensichtlich den Tierkreiszeichen zugeordnet und tragen allesamt Merkmale dieser 12 Grundprinzipien des Daseins – ablesbar an Mimik, Gestik, Haltung, Farbgebung, Position im Bildganzen. Als Kind seiner Zeit spiegelt er natürlich auch die damaligen Definitionen und Zuordnungen der Tierkreisprinzipien wider, die sich mit moderneren nicht völlig decken müssen. In Leonardos Nachlass fanden sich Rechnungen über Honorare für einen Astrologen, den er offensichtlich bei der Konzeption des Werkes konsultiert hat.

Auffällig sind die vier Dreiergruppe, rechts beginnend mit den Frühlingszeichen Widder/Stier/Zwillinge, darauf folgt der Sommer mit Krebs/Löwe/Jungfrau, auf der anderen Seite der Herbst in Gestalt von Waage/Skorpion/Schütze, und zum Abschluss die Wintergruppe mit Steinbock/Wassermann/Fische.

Man könnte den Jahresverlauf auch links beginnend erwarten – möglicherweise hat Leonardo nicht nur viele seiner Schriften in Spiegelschrift verfasst, sondern auch seitenverkehrt gemalt (die Mona Lisa verliert ihren oft als rätselhaft empfundenen und beschriebenen Gesichtsausdruck, wenn man ihr Porträt seitenverkehrt betrachtet – aber das ist eine andere Geschichte, die mit den unterschiedlichen Gesichtshemisphären zu tun hat und deren Steuerung durch die kreuzweise gegenüberliegenden Hirnhälften. Leonardo wusste offensichtlich darum).

Die rechte Gruppe enthält die Vertreter des „realen“ ersten Tierkreisquadranten mit dem Thema der Raumergreifung – ganz außen beginnend mit Simon dem Eiferer – ursprünglich Mars-rot gewandet – der in der Überlieferung als der kriegerischste und hitzigste beschrieben wird, der zum Kampf gegen die römische Besatzung aufrufen wollte. Ausgeprägt die Schafsnase und das scharfe Profil – die Hände nach vorn gerichtet, im Sinne der Raumergreifung ins Zentrum weisend wie eindringend, Handlungsdrang vermittelnd. Daneben im Zentrum der gruppe Thaddäus der Stier (womöglich hat Leonardo sich hier als Stiergeborener selbst porträtiert) – in seiner Handhaltung nicht dynamisch, sondern eher ruhend , bewahrend und innehaltend, entsprechend dem Drang des Stiers nach Zentrierung, Sammlung, Speicherung und Integration – ausgeprägt die Halspartie: Es gab schon im Altertum die Zuordnung der Tierkreiszeichen zu den Körperteilen  von Kopf (Widder) bis Fuß (Fische) – die rechte Hand hat eine bewahrende oder auffangende Gestik, erinnert ein wenig auch an das Symbol des Zeichens, das Gewand vielleicht erdfarben. Auf die Bewegung in den Raum hinein und das Beharren darin nun in der Person des Matthäus das Prinzip des Zwillings – mit dem Gesicht in die eine Richtung gewandt, mit den Händen aus dem Zentrum heraus in den Umraum weisend – als Bote und Vermittler zwischen den Polen, in seiner Ausstrahlung eher  neutral und aufweisend als persönlich aufgebracht.

Die Sommergruppe symbolisiert das Leben, die Vitalität und das Subjektive im Menschen in drei Stadien: Zunächst Philippus, der empfindsame wie gefühlige Krebs – offensichtlich persönlich tief von der traurigen Nachricht berührt, beide Hände auf sich selbst gerichtet, auf die Herzgegend als Zentrum der Empfindung, des In-Sich-Findens der Blick leicht gramgebeugt und mit traurigem Mundausdruck auf Jesus gerichtet, als wolle er ihn seines tiefen Mitgefühls versichern. Was die Ambivalenz des Krebses vermittelt zwischen sensibler Einfühlung in andere und dem Versinken in eigener Subjektivität, immer auf der Suche nach der rechten Balance. Ganz anders als der impressionistische, „beeindruckbare“ Krebs der zentrale Löwe Jakobus der Ältere mit ebensolcher Mähne – in der Gestik dominant, expressiv, raumergreifend, als Vertreter des subjektiven und souveränen Lebens aus sich selbst. Da ist kein stilles Zuschauen oder Leiden im Hintergrund, sondern unmittelbares Erlebnis im Zentrum des Geschehens und Drang zur Aktion aus sich selbst heraus. Die Arme wie schützend ausgebreitet (der Löwe empfindet sich als Einzelner und wird immer das Subjekt im anderen verteidigen), die Herzgegend frei darbietend.

Im Hintergrund dann, verdeckt wie im Gebüsch, der „ungläubige Thomas“ (viele Jungfrauen heißen so) – die Jungfrau, die nicht wie der Krebs in Nabelschau zu versinken droht oder in Löwe-Manier unbedenklich in Aktion tritt, sondern als urrudimentäres  „Beutetier“ um die Gefährdungen des Lebens weiß und daher gern aus sicherer Position unerkannt und ungesehen den Umraum durchleuchtet, um sich im Dschungel des Lebens sicher fühlen zu können. Als einziger hat er den offensichtlichen Verräter schon in Verdacht, den Zeigefinger mahnend wie warnend erhoben.

Die dritte Gruppe findet ihr Selbstverständnis nicht im Verhältnis zum realen Umraum wie die Realisten oder zur subjektiven Innenwelt wie die Subjektiven – die Zeichen Waage/Skorpion/Schütze erfassen die Welt über Ideen und Bilder,  suchen die außerpersönliche Ergänzung, die Begegnung und geistige Auseinandersetzung mit der Welt in ihrer Gestalthaftigkeit und Bedeutung. Der Lieblingsjünger Johannes als Waage wirkt innerlich berührt und trauernd, aber nicht so nach außen hin „subjektiv“ leidend, mit geschlossenen Augen vielleicht schon in Betrachtung der Bilder der nahen Zukunft – in seiner Körperhaltung fast spiegelbildlich geneigt zu Jesus, zu ihm auch farblich umgekehrt gekleidet, als einziger bartlos und eher feminin wirkend, somit als „ausgleichendes Prinzip“ den Kontrapunkt bildend. Deshalb und weil er mit Jesus zusammen im Umriss den Buchstaben „M“ abzubilden scheint, gab es Spekulationen, dass es sich um Maria Magdalena handelt (M =  lateinisch „matrimonium“, der Ehestand)

Im Vordergrund der dunkelhäutige, eher erstarrt wirkende Judas, einen Beutel fest umklammernd, von der Jungfrau argwöhnisch beäugt. Der Skorpion als zweites Marszeichen der „Krieger mit dem verschlossenen Visier“ als Pendant zum Widder mit dem offenen – dem Skorpion,  immer nach Perfektion und der reinen Idee suchend und deshalb anfällig für Fanatik und unbedingte Konsequenz jeder Art, sozusagen als Besessener oder Exorzist, musste schon immer als Projektionsfläche für Verdrängtes herhalten. Judas nahm sich selbst das Leben, was man dem achtbeinigen Skorpion mit seinem Stachel mitunter auch nachsagt.

Mittendrin der offenbar zornig-aufgebrachte Schütze Petrus, physiognomisch wie Widder und Löwe dem Feuer-Element zugeordnet – der nicht primär subjektiv-emotional aufgewühlt wirkt und auch nicht praktisch-real in seiner Haltung, sondern eher geistig herausgefordert durch das eben Gehörte – in der Körperneigung und der Bewegungsrichtung nach vorn dem Zentauren nicht unähnlich. Der Kopf dem Körper ein gutes Stück voraus im Drang, die Welt im Zusammenhang zu erfassen und Zukünftiges als Möglichkeit zu schauen.

Die letzte Gruppe wirkt eher distanziert – im Frühlingstrio sind alle dual mit sich beschäftigt, mehr mit Fakten und Realitäten als subjektiver Gefühlslage – die zweite Gruppe schaut ins Zentrum, zeigt aber ihre persönliche Affinität – die dritte scheint mehr zu denken als zu fühlen oder zu handeln – die letzte aber  erlebt die Szene offenbar aus einer eher un- oder überpersönlichen Haltung heraus, nicht so sehr subjektiv involviert, sondern am Ganzen interessiert, und schaut entsprechend „objektiv“ in das Geschehen von außen hinein.

Den Anfang macht Andreas, der als Steinbock mit seiner mäßigenden Handhaltung sich keinem Extrem hingibt – weder der subjektiven Betroffenheit noch überschießendem Aktionismus – und als Vertreter einer überpersönlichen Haltung offenbar Ruhe, Ordnung und außersubjektive Klarheit schaffen will, den Überblick behaltend, ohne sich in Detail und Aktualität zu verlieren.

Jakobus der Jüngere legt die Hand auf den aufbrausenden Petrus, wie als wolle er in Wassermann-Manier Extreme und Polaritäten auflösen, und verhindern, dass die Vorstellung „mit ihm durchgeht“. Der eher unverbindlichen Leichtigkeit des Wassermanns entsprechend, der sich gern zwischen den Polen bewegt, wirkt er insgesamt als der am wenigsten belastete  von allen, was man nicht als gefühl- oder Empfindungslosigkeit missdeuten sollte – in der Mitte zwischen Steinbock und Fisch vielleicht ein verbindendes Element darstellend, als Freund, der keine Partei ergreift und starre Positionen meidet. Bartholomäus der Fisch schließlich steht als einziger aufrecht und bietet dadurch freien Blick auf die Füße (dem Zeichen Fische zugeordnet) – er zeigt am wenigsten Aktion, stattdessen ein stilles Gewahrsein. Keine ausgeprägt „persönliche“ Reaktion – so als wolle er das Geschehen zunächst empfindend auf sich wirken lassen, ohne durch vorschnelles Eingreifen eine Entwicklung zu stören. Ein Wesensmerkmal des Fisches, was  als feinfühliger und sensibler Umgang mit der Welt ausgeprägt sein kann, als Hingabe an das, was ist – oder auch zu große Passivität und Weltflucht.